29 Januar, 2018

Was ist da unter meinem Bett? Angst bei Kindern

Weit aufgerissene mit Tränen gefüllte Augen erblicke ich, nachdem ich von einem Schrei alarmiert in das Kinderzimmer sürze.
Ein Alptraum, ein Nachtschreck oder einfach das Gefühl, "dass da was ist" wecken mich und das Zuckermädchen nicht selten.
Sie ist hochsensibel, was ihre Angste und Emotionen angeht. So kann sie bei einem schönen Film vor Freude kaum im Stuhl sitzen oder ist vor Liebe manchmal kaum zu bändig.
Aber genau so stark ist das Gefühl der Angst, wenn sie alleine ist, sich in einem dunklen Raum befindet oder einfach ihre Fantasie mit ihr durchgeht.

Einerseits beunruhigen mich diese starken Emotionen manchmal, andererseits kenne ich selbiges selbst im Erwachsenenalter auch von mir. Ja, lacht ruhig, aber ich konnte monatelang nicht ohne Festtagsbeleuchtung durch den Flur gehen, weil ich mir einmal eingebildetet habe, dass ein Gollumähnliches Tier über den Boden kriecht und nach mir greifen will.  Und da war ich bereits nahe an den 30 Lenzen.




Wir versuchen mit der Angst umzugehen und haben uns einige Tricks überlegt, die mal mehr und mal weniger hilfreich sind. Wir möchten sie gerne mit euch teilen und vielleicht kennt ihr auch noch Tricks und Kniffe, die wir mal ausprobieren können.

Tipp 1: Kuscheltiere ganz vorn dabei
So einfach und einfallslos, wie das klingt, so wirkungsvoll ist das.
Wir bestimmen am Abend ein bis drei flauschige "Aufpasser" mit besonderen "Aufpasserfähigkeiten".
Das Plüscheinhorn versteckt in jeder seiner bunten Strähnen einen schönen Traum. Man muss die Strähne nur ganz fest in der Hand halten, dann kommt der Traum von allein.
Die Teddy-Schildkröte hat einen Abwehrpanzer, der Böses ganz einfach vom Bett fernhält.
Die Kuscheleule kann dich in einem bösen Traum einfach an eine andere, schönere Stelle fliegen, wenn du ihren Flügel berührst.
Mit einem Arm voller Aufpassertierchen überstehen wir fast jede Nacht ohne Zwischenfälle


Tipp 2: Ist doch eh immer das Gleiche - Rituale
Das steht in jedem Ratgeber und auf jeder Eltern-Internetseite. Zum Einschlafen sollte man sich Rituale aneignen. Am Besten schon im Säuglingsalter. Okay, mit 6 Jahren will das Mädchen sicher nicht mehr vor dem Schlafen gehen gestillt, herumgetragen und besungen werden. Die Rituale müssen sich also schon etwas an das Kindsalter anpassen und werden mit wachsendem Alter (zumindest bei uns) auch weniger umfangreich. Aber es GIBT einen Ablauf und der wird eingehalten.
Rituale geben ein Gefühl der Sicherheit. Ein Gefühl von "ich weiß ganz genau, was passiert. Ich muss keine Angst haben."

Tipp 3: Renn offene Türen ein
Bei uns sind immer alle Türen offen. Nicht nur die Kinderzimmertür ist einen Spalt weit offen und bietet so vor dem Einschlafen ein Nachtlicht aus dem erleuchteten Flur. Auch meine Schlafzimmertür ist Nachts immer für sie offen. Das bedeutet, sie darf immer und jederzeit herkommen.

Tipp 4: Mach dich nicht lächerlich
Ich nehme die Ängste des Mädchens immer ernst! Ein überhebliches "Also davor brauchst du jetzt aber echt keine Angst haben!" hilft in einer Angstsituation nämlich am wenigsten weiter.
Ich hinterfrage so weit wie möglich, wovor sie Angst hat und warum ihr diese Gestalt (meist waren es Geister) Angst macht. Dann überlegen wir gemeinsam, warum man Angst hat und ob die Angst überhaupt notwendig ist und ich bin dabei so ehrlich wie möglich.

Mit dem Satz: "Aber Geister gibts doch gar nicht!" hätte ich die Thematik vielleicht rabiat beenden können, aber wenn wir mal ehrlich sind, ist diese Aussage alles andere als befriedigend. Besonders dann, wenn man genau davor doch wirkliche und ehrliche Angst empfindet.
Ich habe ihr also erzählt, dass ich früher auch Angst vor Geistern hatte, dass ich aber in meinem ganzen Leben noch nie niemals einen Geist gesehen habe und dass ich weiß, dass auch meine Mama in ihrem Leben noch nie niemals einen Geist gesehen hat. Ich habe sie gefragt, ob sie schon mal einen Geist gesehen hat, was sie selbstverständlich verneinen konnte.
Dann haben wir weiterüberlegt, ob man überhaupt Angst vor Geistern haben muss. Was könnten die machen? Wie sähen sie überhaupt aus? Kann es sein, dass ein Geist auch ein nettes Wesen sein kann?
Es war in keinster Weise eine lächerliche Unterhaltung. Wir waren ernst und konnten anschließend ganz und gar beruhigt einschlafen. Bisher waren Geister kein Thema mehr.


Tipp 5: Ich mach dich lieb, Monster!
Es gab eine Zeit, mittlerweile ist das schon gut drei Jahre her, da weckte mich das Mädchen fast jede Nacht. Sie hatte Angst vor Tigern und dass selbige in ihr Zimmer kommen könnten.
Alle logischen Erklärungen (Es gibt keine Tiger in unserer Stadt, Tiger können keine Türen öffnen, Tiger können nicht durch dein Fenster im ersten Stock kommen) halfen nicht. Die allnächtliche Angst vor Tigern blieb.
Doch dann haben wir uns einen der Tiger geschnappt und ihn gezähmt. Er war nur hungrig und wir haben ihm ein paar Stücke Fleisch zugeworfen. Eben dieser (völlig imaginäre, nicht existente) Tiger hat seitdem vor der Tür des Mädchens gelegen und das Zimmer bewacht. Die Tigerangst verschwand und irgendwann verschwand auch der Tiger.
Wenn es möglich ist und die Angst mit Wesen und Figuren greifbar gemacht werden kann, versuchen wir sie zu personalisieren und dann mit unserer Fantasie einfach umzugestalten.


Beim zweiten Lesen meines Artikels klingt es für mich ein wenig so, als würden wir im Hause Päng die Angst all zu stark thematisiseren. Tatsächlich ist sie phasenweise wirklich ein großes Thema.

Aber Angst ist nichts Lächerliches und schon gar kein Tabuthema. Darüber zu sprechen ist wichtig.
(Es gibt natürlich ein Unterschieden zwischen "über Angst reden" und "Angst mit Worten schüren". ) Ich habe mir wochenlang die Nächte um die Ohren geschlagen, weil ich eine unsagbare und nicht unbegründete Existenzangst hatte. Das Sprechen darüber hat mir sehr geholfen.
Wir haben alle Angst. Es ist völlig normal Angst zu habe.
Und wisst ihr was? Nur wer Angst hat, kann auch mutig sein.


Lieblingsgrüße!

Kommentare:

  1. Liebe Linda,

    ich habe deinen Text gelesen und ich finde, dass du mit den Ängsten vom Zuckermädchen wunderbar umgehst. Angst gehört zum Leben und es ist überhaupt nicht schlimm, Angst zu empfinden, sondern auch etwas sehr Wertvolles. Man macht sich Gedanken und fühlt. Was könnte es Wichtigeres geben? Ich glaube, wenn wir mit Kindern über ihre Ängste sprechen, hilft es auch uns Erwachsenen, unsere eigenen Ängste zu reflektieren und zu merken, dass manche davon gar nicht so schlimm sind, wie wir denken.
    Lange Rede, kurzer Sinn: Euer Umgang mit Angst ist fast schon philosophisch! Das finde ich ganz toll. Bewahrt euch das!

    Liebe Grüße,
    Beret

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