25 Mai, 2018

Hör mal - ich les`dir was vor

Eigentlich bin ich ein totaler Buch-Verfechter. Ich liebe das Lesen und weigere mich einen Ebookreader zu kaufen. Ein Buch erfährt man mit allen Sinnen, man fühlt und riecht es. Die Protagonisten bekommen in meinen Gedanken eine eigene Stimme und eine eigene Gestalt. Besonders schöne, emotionale oder spannende Textstellen kann ich mehrfach lesen oder ihnen in einer Pause nachsinnen. Es gibt mir ein rituelles gutes Gefühl, vor dem Schlafen noch in einem Buch zu lesen, zu merken wie es nach einiger Zeit schwer in meinen Händen wird und die Augen müder werden. Abschalten, umschalten, runterschalten.

Eigentlich dachte ich immer Hörbücher sind nichts für mich.

Aber wann habe ich eigentlich aufgehört zuzuhören? So ganz bewusst und ruhig?
Es fällt mir sogar sehr schwer zuzuhören ohne gleichzeitig einem optischen oder haptischen Reiz nachzugeben. Im Gespräch mit Freunden fummel ich in meinen Haaren, bei einem Meeting kritzle ich auf Unterlagen, bei einem Telefonat mache ich nebenbei die Wäsche.
Und wenn das Mädchen in ihrem nicht enden wollenden Redeschwall von ihren Fantasiewelten erzählt, kann ich schon nach wenigen Minuten intensivem Zuhören nicht mehr folgen, beschäftige dann meine Hände und gebe regelmäßig ein "hmhm" von mir. 

Trotzdem, oder auch gerade deshalb, wollte ich mich jetzt im abonnierten Hören versuchen. Angefangen hat es mit kleinen Podcasts, denen ich beim Arbeiten am PC folgte. Ich kann sehr gut zuhören, wenn ich nebenbei arbeite und ich kann sehr gut arbeiten, wenn ich nebenbei zuhöre. Aber jetzt mal die Hände von der Tastatur nehmen und nur hören... puh schwer.

Anfangs fand ich nur Hören richtig ungewohnt – man muss konzentriert bleiben, damit man alles mitbekommt und irgendwie hat man auf einmal Augen und Hände frei. Wohin damit? Eine kleine Challenge für mich, mich selbst zu fokussieren und einfach mal auf nur eine Sache zu konzentrieren. Mehr als 5 min schaffe ich dann, wenn ich mich ganz entspannt hinlege und meditativ die Augen schließe. Ein bisschen Me-Time ist natürlich nicht das Schlechteste, wenn auch herausfordernd für mich.

Ich habe es schlicht und ergreifend verlernt. Das nur Zuhören. Damals habe ich viele Kassetten verschlungen und dabei wirklich gar nichts gemacht. Ich habe mir vorlesen lassen, ohne dass ich die Bilder in den Büchern dabei ansehen musste. Ich habe Musik gehört, nicht zur Untermalung, sondern einfach des Hörens wegen.

Meistens nutze ich die Hörzeit, um mir anderes angenehmer zu gestalten. Fenster putzen zum Beispiel. Das mache echt ungern. Also wirklich total ekelhaft ungern. Die einzige Motivation ist dann ein toller Podcast oder ein echt spannendes Hörbuch.  

Auch auf langen Autofahrten ist ein Hörbuch super. Ich starte meist mit Musik, aber nach einiger Zeit werden die ewig gleichen Liedtexte anstrengend und ich brauche Entspannung für die Ohren. 

Den größten Verschleiß an vorgesprochenen Zeilen habe ich aber beim Laufen. Vorher habe ich hier auch gerne Musik gehört (oder als ich noch ganz lauffit war nur meinen Atmen - sehr hypnotisierend), aber dabei habe ich mich immer beim gedanklichen oder realen mitsingen erwischt. Das ist zwar lustig, stört aber meinen Rhythmus. Kennt ihr das auch?
Beim reinen zuhören laufe ich fast, ohne es zu merken. Es ist auch eine super Motivation, wenn man sich die Fortsetzung der spannenden Geschichte nur dann erlaubt, wenn man wieder mit Laufschuhen unterwegs ist.



Sehr gut macht sich meiner Meinung nach übrigens auch ein englisches Hörbuch beim Laufen. Ich mag mich irren, aber ich glaube, dass man gerade beim Laufen, wenn man sich sonst mit nichts weiter ablenken kann, ganz besonders gut zuhört und sich besonders gut konzentrieren kann. Sind Neurologen unter euch? Ist es so? Schweigen verstehe ich als Zustimmung.

Die anfängliche Trauer um die fehlenden Sinne, die sonst beim Lesen zum Einsatz kommen dürfen, kann ich gegen einen neuen Gedanken austauschen. Durch die Vertonung des Buchs mit einem guten Sprecher entsteht aus dem Buch ein ganz neues Kunstwerk. Ich sehe die gute Vertonung eines Buchs definitiv als Kunst an. Es ist etwas besonderes, nicht jeder kann einen Text schön rüber bringen. Ich finde es faszinierend, die Unterschiede in Aussprache oder Betonung festzustellen. Staune darüber, wie kompliziert verschachtelte Sätze inklusive zungenbrecherischer Fachwörtern mit Leichtigkeit daher gesagt werden können.

Übrigens lese ich am liebsten Thriller und richtig spannende Schmöker. Zum Zuhören funktionieren die für mich nicht. Da brauche ich etwas Lustiges, eine Biographie oder irgendetwas, dass mir unbewusst Wissen eintrichtert. Ich liebe auch Podcasts, die man zum Beispiel bei audible unbegrenzt hören kann.  Wenn ihr nicht wisst, wo ihr überhaupt zuerst reinhören sollt, dann gibt es für euch hier die aktuelle TopTen von Hörbüchern aus verschiedenen Genren. Bei über zweihunderttausend Hörbüchern kann das entscheiden schon echt schwer fallen.


Nun bin ich doch ein Hörbuchhörer geworden. Zumindest manchmal, dafür dann aber mit ganz bewusstem Hören. 
Und das Buch am Abend bleibt mir trotzdem.

Und ihr?
Lieber lesen oder lieber hören?

Lieblingsgrüße!



P.S.:
Eigentlich wollte ich übrigens auf den Waste-Gedanken hinaus, den ich mir aber zugegebenermaßen doch selbst schön reden müsste. "Ich kaufe ja eh nur gebrauchte Bücher und danach landen sie ja auch nicht im Müll sondern werden verliehen..." 
Zerowaste ist zwar sicherlich EIN guter Grund für ein Hörbuchabo, aber in diesem Fall - so ehrlich muss ich mit mir sein - ist es nicht MEIN Grund.

Kommentare:

  1. Ich lese. Bücher. echte aus Papier.
    eBooks verweigere ich - auch wenn ich den Gedanken angenehm finde, im Urlaub viele viele Bücher mitzunehmen und der Koffer bleibt "leicht".

    Aber abends im Bett, da höre ich lieber ein Buch. Allerdings - sorry - meist zum Einschlafen. Denn wenn ich wirklich nichts nebenbei mache und "einfach nur" zuhöre, dann schließe ich die Augen, verliere mich in der Stimme und .... tja,... nicke ein *g*
    Wobei, wenn es sehr sehr lustig ist, dann nicht, oder sehr spannend. Beim Auto- oder Busfahren mag ich das überhaupt nicht.

    LG
    Zottellotte Sonja

    AntwortenLöschen
  2. Definitiv lese ich lieber. Ich bin generell kein Hörtyp. Musik hören langweilt mich, den ganzen Tag Radio um mich rum nervt mich total.
    Eigentlich hab ich auch immer gedacht, niemals nutze ich einen eBook-reader. Das wirkliche echte Buch in der Hand ist nicht zu ersetzen. Allerdings wurden die Bücherberge im Hause TAC immer höher. Die Kinder lieben lesen, wollen immer neues Futter. Trotz Bibliothek, Bücherstube und seit neuestem einer Bücher-Telefonzelle gleich um die Ecke gabs also immer wieder neue Bücher. Weiter geben? Fast nicht möglich, denn Töchterchen liest jedes eigene Buch immer und immer wieder. So hat sie bereits seit 2 Jahren einen Kindle. Und ich seit einem dreiviertel Jahr. Und was ich nie für möglich gehalten habe: Ich liebe den. Er hat eine einstellbare Beleuchtung, so dass ich im Bett lesen kann, wenn die Kleine mal wieder Mama neben sich braucht, es aber noch viel zu früh für mich zum Schlafen ist. Das war mein Hauptgrund dafür. Seit ich den habe, ist kein echtes Buch mehr gekauft worden. Ab und zu kommt eins aus der Telefonzelle mit, geht aber nach dem Lesen dahin zurück.
    Passt für uns so.
    Sohnemann wird Weihnachten ebenfalls einen Kindle bekommen. Er liest inzwischen ebensoviel wie seine Schwester.
    LG von TAC

    AntwortenLöschen
  3. Definitiv lesen! Am allerliebsten Thriller - bei Romanen schlaf ich ein *zwinker*! Und da es schlichtweg irgendwann ein Platzproblem ist mit Büchern; lese ich mittlerweile auch nur noch mit dem ebookreader! Wie ich finde so viel bequemer als mit Büchern - auch wenn ich gestehen muss, dass ich mir das anfangs überhaupt nicht vorstellen konnte. - na ja....und vom Umweltfaktor mal abgesehen. Mein Mann hingegen hört nur - und zwar immer auf der Fahrt zur Arbeit! Liebe Grüße! Nicole

    AntwortenLöschen
  4. Ich habe auch immer auf Bücher geschworen, EReader? Pfff, das ist doch kein richtiges Buch, das muss man in der Hand halten! Bis mein Mann mir, kurz bevor ich nach meiner ersten Elternzeit wieder zu arbeiten anfing und täglich fast zwei Stunden Zug fuhr, zu Weihnachten einen EReader schenkte. Mein erster Gedanke, was soll ich denn mit diesem blöden Teil?? Das ist gut sieben Jahre her und ich liebe das Teil. Ich habe immer noch den ersten, ganz schlicht und einfach, da leuchtet nix, da kann man nicht wischen, aber es liest sich so gut darauf und ich muss keine dicken Bücher mitschleppen. Nur schade, dass es mit dem Weiterverleihen/-geben schwierig ist... Und Hörbücher höre ich auch viel. Entweder in der Bahn, wenn ich nach einem anstrengenden Tag keine Lust zum Lesen habe und dann einfach nur die Landschaft angucke und höre, aber meistens beim Saubermachen an meinem freiem Vormittag. LG, Carola

    AntwortenLöschen
  5. Bücher zu lesen schaffe ich meistens nur im Urlaub. Ich sitze oft abends noch lange am Schreibtisch und gehe erst ins Bett, wenn ich schon ziemlich müde bin. Dann ist es auch meistens schon sehr spät und ich weiß, dass ich mich mit einem spannenden Buch noch weiter wachhalten würde (ein langweiliges Buch würde ich nach 5min weglegen :D). Ich höre zum Einschlafen den "Einschlafen-Podcast" - kennst du den? Ich habe selten eine so entspannende, beruhigend wirkende Stimme gehört. Beim Nähen höre ich ebenfalls gerne Podcasts. Inzwischen gibt es ja auch ein paar rund ums Nähen oder es dudelt mal wieder die Känguru-Triologie durch die Lautsprecher. Für mich die allerbeste Hörbuch-Reihe EVER! Ich kenne sie alle. In und auswendig. Ich kann jeden Dialog mitsprechen und wenn du mir das Buch reichst, lese ich dir jeden Satz genau so vor, wie Marc Uwe ihn im Hörbuch betont. Die Känguru-Triologie ist für mich auch das Hörbuch schlecht hin. Bevor man die Bücher liest, muss man meiner Meinung zumindest die Känguru-Chroniken als Hörbuch gehört haben. Danach spricht beim eigenen Lesen Marc Uwe im eigenen Kopf und wie er die Story rüberbringt ist absolut einzigartig und genial. Man merkt, ich bin dezent begeistert ;D Liebe Grüße, Nadine

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Oh, ein Einschlaf Podcast? Sowas ist bestimmt mal fein, um nach einem kopflastigen Tag abzuschalten, oder?
      Kenn ich noch nicht. Ich höre gerne Podcasts über Themen für die ich gerade brenne.
      Minimalismus, Nachhaltigkeit, Fitness, Laufen, Veganismus und und und.

      So wie du von der Känguru Trilogie sprichtst, ist die ja ein absolutes Muss! Da werde ich nachher auch mal nach googeln

      Löschen
  6. Ich mag beides gerne, wobei ich zur Zeit beim Lesen immer sofort einschlafe und deshalb kaum voran komme und es dann manchmal einfach ganz sein lasse.
    Hörbücher höre ich total gerne beim Nähen (Zuschneiden, Stecken, Auftrennen...) Aber gar nichts dabei zu tun, das kann ich mir kaum vorstellen. Mein erster Gedanke war:“Zeitverschwendung. Was ich da alles machen könnnte...“
    Aber:
    Sollte ich vielleicht mal wieder probieren. Einfach mal NICHTS tun.
    Puh...schwierig.
    Grüße Christina

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hahaha, genau wie bei mir. Sobald ich still sitze und zuhöre, gehen mir als ersten Listen von Dingen durch den Kopf, die ich jetzt alle machen könnten.
      Aber es tut wirklich unheimlich gut, sich einfach mal 5 bis 10 min auf sich selbst zu besinnen.

      Was mir da übrigens auch immer so wunderbar hilft, ist Yoga.
      Das ist auch so viel Ruhe und Besinnlichkeit. Anfangs hab ich bei jeden Atemzug den ich machen sollte nachgedacht: "Gleich machst du erst mal die Wäsche!" "Oh die Spülmaschine ist fertig" "Ich hoffe ich hab noch genug Zeit zum einkaufen"
      blah blah :D
      Mittlerweile denke ich dabei tatsächlich nichts mehr. Fühle nur meinen Körper und genießen Spannungen, Dehnungen und Atmung.
      Herrlich

      Löschen

Und was denkst du darüber?